Schwere Zeit für Zeitarbeit
13.11.2008
Westfälische Nachrichten
"Schwere Zeit für Zeitarbeit"
Münster - Die deutschen Zeitarbeitsfirmen stellen sich auf unruhige Zeiten ein. Nach Einschätzung von Thomas Bäumer, Geschäftsführer des Branchenriesen Tuja in Münster, trifft die Absatzkrise in der Automobilindustrie die Zeitarbeitsbranche besonders hart. Sollte der sich abzeichnende Konjunkturabschwung den Arbeitsmarkt erreichen, werde es die Branche noch einmal durchschütteln, glaubt Bäumer. „Wir stellen uns auf ein schwieriges Jahr ein.“
Während Bäumer die Zukunft für Tuja positiv sieht, malt er für Teile der Branche schwarz – nicht aus Konkurrenzdenken, sondern weil Bäumer als Vize-Präsident des Bundesverbands Zeitarbeit von Berufs wegen auch für die Branche spricht. „In der zweiten Jahreshälfte 2009 wird sich die Spreu vom Weizen trennen“, so Bäumer. Besonders kleinere Firmen, die sich auf die Autobranche konzentriert haben, drohe das Aus. Nach Schätzungen von Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer stehen 80 000 Zeitarbeitsstellen in der Industrie und abhängigen Zulieferbetrieben auf der Kippe.
In der Tat vergeht kaum eine Woche, in der sich nicht ein Autohersteller von einem Teil seiner Leiharbeiter trennt. So will sich BMW im Werk Leipzig zum Monatsende von einem Teil seiner Zeitarbeiter trennen. Volkswagen, Opel und Mercedes bauen ebenfalls Stellen ab. Der Lkw-Hersteller MAN schickt sogar mehr als 3000 geliehene Arbeitnehmer zurück zum Verleiher. Die Folgen spüren auch Zulieferfirmen wie Continental, der auf die Arbeitskraft von 5000 Zeitarbeitern verzichtet. Die Masse von Angestellten die jetzt zu den Verleihern zurückgeschickt werden, ist das Problem, mit dem die Branche hadert. „Der Schluck war zu groß, das Zeitfenster für uns zu klein“, fasst Bäumer zusammen. Deshalb sei es auch unvermeidlich, Kündigungen auszusprechen. Folgen hat das auch für die Arbeitslosenstatistik. Derzeit arbeiten in Deutschland noch fast 800 000 Männer und Frauen in Zeitarbeitsunternehmen. Der Branchenverband geht davon aus, dass eine „hohe fünfstellige Zahl“ wegfällt.
Bäumer sieht nun auch die Branche in der Pflicht, die Mitarbeiter an andere Betriebe zu vermitteln. „Genau dafür ist die Zeitarbeit geschaffen.“
Das Dilemma der Branche – zuerst werden die Zeitarbeiter freigestellt – ist aus seiner Sicht auch die größte Chance. „Ein kurzes Flackern der Konjunktur genügt, um wieder Zeitarbeiter nachzufragen.“ Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg ist sogar noch zuversichtlicher. Dort rechnet man in der Zeitarbeit für 2009 lediglich mit einer Stagnation.
VON ANDREAS FIER, MÜNSTER


